Schwarzweißabzug mit Lochkamera-Look: weiche Unschärfe, Vignettierung und Bewegungsspuren einer langen Belichtung

Der Lochkamera-Effekt und seine besondere Bildwirkung

Von Éric Marais

Ein Lochkamerabild erkennt man fast ohne nachzudenken, weil es keinem gewöhnlichen Foto ähnelt und etwas Weiches, Fernes in sich trägt. Diese ganz eigene Bildwirkung ist weder Zufall noch Fehler, sie kommt direkt vom fehlenden Objektiv, und genau diese Mischung von Merkmalen nennt man den Lochkamera-Effekt. Bevor wir uns jedes Merkmal aus der Nähe ansehen, legt der Leitfaden zur Lochkamera die Grundlagen.

Eine weiche Unschärfe, die das ganze Bild umhüllt

Diese Seite erklärt Merkmal für Merkmal, woher der Lochkamera-Effekt kommt: die Weichheit, die Schärfentiefe, die Vignettierung und die Spur der Zeit.

Als Erstes fällt diese allgemeine Weichheit ins Auge, eine leichte Unschärfe, die alle Konturen mildert, ohne das Bild je unlesbar zu machen. Nichts ist messerscharf, alles wirkt eher mit dem Bleistift gezeichnet als mit der Rasierklinge gezogen.

Das liegt in der Natur des Verfahrens: Ohne Objektiv, das die Strahlen bündelt, lässt das Loch das Licht so herein, wie es kommt, sodass kein Punkt der Szene je vollkommen scharf ist. Die Beugung trägt ihren Teil dazu bei: Beim Durchgang durch eine sehr enge Öffnung breitet sich das Licht leicht aus (auf Französisch), und zwar umso stärker, je kleiner das Loch ist. Deshalb lässt sich die Schärfe nicht beliebig steigern, indem man das Loch immer weiter verkleinert. Die vollständige Optik gehört zur Funktionsweise der Lochkamera, wichtig ist hier nur: Diese Weichheit ist kein Fehler beim Scharfstellen, sondern eine gleichmäßige Eigenschaft, die dem Foto eher den Eindruck einer Erinnerung als einer Bestandsaufnahme gibt.

Stadtlandschaft, mit der Lochkamera fotografiert von Éric Marais.

Warum die Vignettierung die Ecken abdunkelt

Sieh dir ein Lochkamerafoto an, und dein Blick gleitet fast immer zur Mitte, angezogen von einer Helligkeit, die zu den Rändern hin sanft verlischt. Die Ecken sind dunkler, manchmal deutlich, und dieser Schatten, der das Bild einrahmt, hat einen Namen: die Vignettierung.

Sie entsteht aus der Geometrie der Box, denn das Licht, das die Ecken erreicht, trifft schwächer auf das Papier als das Licht in der Mitte. Statt zu stören, trägt diese Vignettierung voll zum Reiz des Bildes bei: Sie lenkt den Blick, umrahmt das Motiv und gibt dem Ganzen das Aussehen eines alten Fotos, das man ganz hinten in einer Schublade wiedergefunden hat.

Lochkamerafoto mit Vignettierung: dunkle Ecken rahmen eine helle Bildmitte

Eine fast unendliche Schärfentiefe

Auf einem Lochkamerabild werden der Grashalm im Vordergrund und der Hügel am Horizont mit derselben Ungenauigkeit wiedergegeben: keiner von beiden wirklich scharf, aber auch keiner richtig unscharf. Es gibt keine Schärfeebene, und genau das nennt man eine fast unendliche Schärfentiefe; der Begriff bezeichnet den scharf abgebildeten Bereich eines Bildes.

Wo ein Objektiv dich zwingt zu entscheiden, wohin die Schärfe kommt, und den Rest in jene verschwommenen Hintergründe taucht, die man überall sieht, kennt die Lochkamera diese Wahl nicht: Alles liegt auf derselben Ebene, und das Auge wandert frei durchs Bild, ohne dass man ihm zeigt, wohin es schauen soll. Diese Gleichbehandlung gibt Landschaften aus der Lochkamera eine seltsame Präsenz, in der Nahes und Fernes aus demselben Stoff zu sein scheinen.

Landschaft aus der Lochkamera mit unendlicher Schärfentiefe: Vordergrund und Horizont gleich behandelt

Verzerrungen und Perspektive der Lochkamera

Je nach Form der Box kann das Bild auch leichte Verzerrungen zeigen, Linien, die sich krümmen, eine Perspektive, die sich zu den Rändern hin dehnt, denn eine breite, flache Box ergibt einen großzügigen Bildwinkel, der Entfernungen übertreibt. Diese Abweichungen von der Geometrie einer herkömmlichen Kamera sind kein Fehler, sondern eine Handschrift, und das ist einer der Gründe, warum zwei Lochkameras nie ganz dasselbe Bild liefern.

Der Bildwinkel hängt vom Abstand zwischen Loch und Papier ab: Je näher das Loch am Papier sitzt, also in einer flachen Box, desto weiter ist der Winkel, während eine tiefe Box den Bildausschnitt enger macht.

Schema: Eine flache Box ergibt einen weiten Winkel und gekrümmte Linien, eine tiefe Box einen engen Bildausschnitt

Je näher das Loch am Papier, desto weiter der Winkel und desto stärker dehnt sich die Perspektive zu den Rändern hin.

Wenn lange Belichtungen Bewegungsunschärfe erzeugen

Ohne Objektiv lässt die Lochkamera wenig Licht durch und verlangt Belichtungszeiten von Sekunden, Minuten, manchmal noch mehr, und diese Langsamkeit verwandelt alles, was sich bewegt. Solange der Verschluss offen bleibt, glättet sich das Wasser eines Flusses zu einer seidigen Fläche, die Wolken ziehen sich in die Länge, und ein Passant, der nicht stehen bleibt, verblasst am Ende wie ein Geist.

Das ist die Bewegungsunschärfe: Spuren der Bewegung, aufgezeichnet über die gesamte Belichtungsdauer. Die Kamera hält keinen Augenblick mehr fest, sondern einen Ausschnitt aus der Zeit, und das ist wohl das poetischste Merkmal des Lochkamera-Effekts.

Lange Belichtung mit der Lochkamera: geglättetes Wasser und eine verwischte Gestalt zeigen das Vergehen der Zeit

Das Korn und warum dieser Look so gefragt ist

Zu diesen Merkmalen kommt oft ein sichtbares Korn, das vom verwendeten Papier und seiner geringen Empfindlichkeit herrührt, sodass das Bild eine Textur und eine körperliche Präsenz behält, weit entfernt von der klinischen Glätte des Digitalen.

Nahaufnahme eines Papiernegativs aus der Lochkamera: weiche Unschärfe, sichtbares Korn, umgekehrte Tonwerte

Auf Papier behält das Lochkamerabild ein Korn und eine Textur, die das Digitale zu glätten gelernt hat.

Der digitale Lochkamera-Filter hält dem Vergleich nicht stand

In Bildbearbeitungs-Apps gibt es heute sogenannte Lochkamera-Filter, die einem Handyfoto mit einem Fingertipp Unschärfe und dunkle Ecken hinzufügen. Das Ergebnis erinnert von Weitem an den Effekt, hält aber einem genauen Blick nicht stand, weil es nur ein Bild einkleidet, das bereits scharf und bereits auf einen Augenblick festgelegt ist.

Das echte Verfahren liefert etwas anderes, denn die Weichheit steckt hier im Licht selbst und wird nicht darübergelegt, die unendliche Schärfentiefe entsteht aus dem Fehlen einer Linse, und vor allem kommt die Bewegungsunschärfe von Zeit, die vor der Box tatsächlich vergangen ist. Den Unterschied zwischen beiden Welten erklärt der Artikel über die Lochblende an der Digitalkamera.

Schema: Ein Filter legt Unschärfe und dunkle Ecken über ein scharfes Foto, die Lochkamera zeichnet einen Passanten als Bewegungsspur auf

Der Filter kleidet ein erstarrtes Bild ein, die Lochkamera zeichnet die Zeit auf, die vor der Box vergeht.

Den Effekt mit eigenen Augen sehen

Am besten verstehst du diesen Effekt, wenn du ihn selbst erzeugst und im Entwicklerbad ein weiches, vignettiertes, von Bewegungsspuren durchzogenes Bild erscheinen siehst. Das Sténoflex-Set, 2009 in Frankreich für den Einstieg entworfen, vereint die Box mit Lochblende, das Papier und die Chemie, damit du diese Bildwirkung in einer einzigen Sitzung erhältst.

Der Lochkamera-Effekt lässt sich nicht auf Unschärfe oder dunkle Ecken reduzieren: Erst das Zusammenspiel macht das Bild, und wenn du es in deinen Händen entstehen siehst, verstehst du, warum diese Bildwirkung die Menschen bis heute berührt.

Unter rotem Licht erscheint in der Entwicklerschale nach und nach das weiche, vignettierte Foto einer Caféterrasse

Ein Lochkamera-Abzug entsteht im Entwicklerbad, unter dem roten Licht des Labors: Weichheit und abgedunkelte Ecken erscheinen zusammen mit dem Bild.

Éric Marais — Fotograf, Autor zweier Bücher über die Lochkamera (Verlag Pearson) und Erfinder von Sténoflex. Seit den Anfängen leitet er Einführungsworkshops zur Lochkamera und zur analogen Entwicklung.